Struktur und Natur. Sehnsuchtslandschaften in Veronique Pannos Werk.

Veronique Panno widmet sich in ihrem OEuvre gezielt der Radierung und Zeichnung – dabei stehen sich beide Kunstformen gleichberechtigt gegenüber, ja scheinen einander geradezu zu bedingen. Nicht zuletzt eilten den in den letzten Jahren vermehrt entstandenen Zeichnungen serielle und inhaltlich identische Radierungen, die Panno auch heute noch als Fundament ihres Arbeitens begreift, voraus. Dabei bieten der Künstlerin Aqua Tinten oder andere Kaltnadelradierungen den Zugang zum intuitiven und flächigen Experimentieren mit Technik, Form und Struktur. Unwillkürlich scheinen Pannos Zeichnungen jene Drucke zu adaptieren, indem sie deren Formalia und Kompositionen künstlerisch vorantreibt und erweitert. Wissentlich nutzt sie dabei die „inaugural blankness“1 des hellen (Bütten-)Papiers um die graphische Präsenz ihres Strichs hervorzuheben und gleichsam auf ihren der Radierung gleich kommenden Impetus zu verweisen. Die weiße Farbe des Papiers wird dabei im Gegensatz zur „Grundierung des Gemäldes, nie völlig verdeckt […] und [wahrt] daher stets eine Offenheit, die das Zeichnen als Kunst des Anfangens auch in der fertigen Zeichnung erfahrbar werden lässt.“2

Jenes Anfangen wird bei Veronique Panno nicht nur durch den Rückgriff auf die ursprünglichste aller Kunstgattungen visualisiert, sondern verweist zugleich auch auf die Eigenschaft der Linie als Metapher für die Chiffrierung unserer Zeit. Mit Vorliebe zerlegt die Künstlerin die simplen Motive ihrer Arbeiten in graphische und strukturaffine Elemente und lässt uns als Betrachter in eine zweidimensionale Welt aus Zeichen – denn nichts anderes erkennt Panno in den sie umgebenden Sujets – und diffusen Stimmungen eintreten. Die Thematisierung der Linie als graphisches Anordnungsprinzip versinnbildlicht hier zugleich auch den „Statuswandel [der Zeichnung von] einer mimetischen zu einer eigenevidenten Größe“3 , bei der die abgebildeten Naturdarstellungen lediglich zur Chiffre von Oberfläche und Materialität werden.

Pannos abstrakte Landschaften wirken insbesondere durch ihre künstlerische Reduktion auf Linie und Gravur umso deutlicher als „Stimmungsraum, der Empfindungen wie Einsamkeit und Verlorenheit reflektiert“4 und die bewusst zum Orte der Stille, der Isolation, der Leere werden. Die Referenz zur symbolischen „einsamen Insel“ ergibt sich dabei nicht nur durch das wiederholte Auftauchen insularer Flora, sondern auch mittels Pannos beabsichtigter Aussparung allen Menschlichens. Die Metapher der Insel dient ihr indes zwar als Rückzugsort, der – fern ab von Zeit und Lokalisierung – mehr Bühne für die eigenen Ideen und Träume sein möchte; gleichzeitig evozieren die vermeintlichen Postkartenmotive jedoch einen zu harschen und ironischen Unterton als dass man die Kippstimmung, der die Darstellungen unterliegen, zu ignorieren vermag.

Gezielt wählt die Künstlerin ihre Vorlagen aus eigenen Naturbeobachtungen, die sie skizzenhaft vor Ort festhält. Manchmal bekommt sie von guten Freunden, die sich gerade in einer besonderen Gegend befinden, Bilder zugesand. Deren Motive oder einzelnen Elemente entwickelt Veronique Panno in ihren Werken weiter.

Der Verweis auf kitschige, zeitweise bereits ins trashig abdriftende Bildbände über ferne Idyllen und touristisch erschlossene Urlaubsorte stehen dabei Pate für jene der Zeit enthobenen Sehnsuchtsorte, die sich in Pannos Werken so zahlreich wiederfinden. Und so begeben wir uns als Betrachter in eine zeichnerisch manifestierte schöne heile Welt, die aus Unschärfe und fehlerhafter Vermittlung entstanden ist, und müssen uns fragen, wieviel Oberfläche und Realitätsverlust bei dieser zweidimensionalen Entrückung von Alltag und Mensch noch als erholsam empfunden werden kann. Der Künstlerin in dem Zuge Misanthropie zu attestieren, verfehlt jedoch den Zweck der Bilddeutung und steht der eigentlichen Frage des Warum‘s im Weg.

Nicht zuletzt verstärkt Pannos Besinnung auf die als archaisch proklamierte Grafik als künstlerisches Mittel den Eindruck ihrer ursprünglichen und prehumanen Bildräume umso mehr. Durch eines schwarz-weißen und konturaffinen Impetus, der strengen und fast schon seriellen Aufteilung, wenigen konzentrierten Motiven und dem Spiel mit verschiedenen grafischen Elementen werden dabei Blick und Geist – befreit von zu vielen Details und großen Ausschnitten – für das Wenige, das sie imstande sind zu rezipieren, geöffnet für einen Moment der Irritation. Denn plötzlich hören wir diese Natur, deren Rauschen, Blätter, Wasser, Sand, Stein, Luft. Plötzlich ist dieser Ort erfasst von der Bewegung des Bleitstifts und Graphitpulvers mit dem er entstanden ist; plötzlich entwickelt sich eine Gegend vor unseren Augen, die mit ihrer teilweise diffusen und unklaren Atmosphäre nicht ohne Grund auch immer einer Traumsequenz enthoben scheint. Für Panno sind ihre Landschaften dementsprechend surreale Räume, mit denen nicht zwangsläufig positive Assoziationen verknüpft werden sollen. Vielmehr visualisiert sie mit schnellem Strich eine skizzenhafte Erinnerung, ein Gefühl, dass sich beim Betrachten naher und ferner Orte seit Kindertagen eingestellt hat: Die Ambivalenz aus Sehnsucht nach der Fremde und der immer mitlaufenden Angst vor allem Unbekannten. Diese Angst ist omnipräsent in Pannos Werk – keine Zeichnung scheint ohne das Moment der Verwirrung und Furcht auszukommen; stets schwingt in der erzeugten Stimmung auch Bedrohung mit. Die anfängliche Idylle wird plötzlich zum unerklärbaren Tatort, den sich die Natur wieder einverleibt hat – denn wer sagt, dass Pannos Landschaft pre- und nicht posthuman sind?

Und so scheint der künstlerische Fokus auf den Strich in Veronique Pannos Werk nur folgerichtig – ist er letztendlich wie die Natur selbst wohl jenes, aus dem alles basiert und erwächst und zu dem es letztlich wiederum irgendwann einmal wird.

 

Bettine Zabel-Liebold, Kunsthistorikerin

  •  1985 geboren in Dresden
  • 2005 – 2011 Studium Kunstgeschichte
  • und Geschichte in Dresden und Salzburg
  • lebt und arbeitet in Dresden
  1. BRYSON, Normann: A Walk for a Walk’s sake, in: The Stage of Drawing, New York 2003, S. 148.
  2. PICHLER, Wolfgang/ UBL, Ralph: Vor dem ersten Strich. Dispositive der Zeichnung in der modernen und vormodernen Kunst; in: BUSCH, Werner JEHLE, Oliver, MEISTER, Carolin[Hrsg.]: Randgänge der Zeichnung, München 2007, S. 237.
  3. WITTE, Georg: Die Phänomenalität der Linie graphisch und grapehmatisch; in: BUSCH, Werner/JEHLE, Oliver, MEISTER, Carolin[Hrsg.]: v Randgänge der Zeichnung, München 2007, S.31.
  4. MAUR, Karin v.: Max Ernst und die Romantik. Im Spannungsfeld zwischen Idylle und Schreckensvision. in: Spies, Werner (Hrsg.): Max Ernst. Retrospektive zum 100. Geburtstag, München 1991, S. 344.